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Davids Tränen spiegeln sich in der Fensterscheibe. „Jeden Tag nur EIN Türchen“. Es ist der 1. Dezember und ich haben diesen Satz definitiv schon öfter gesagt als es Türchen im Adventskalender gibt. Die anfängliche Begeisterung über den schönen Kalender und die Schokolade in Enten-Form endet in enttäuschtem Geschrei. 

„Ich gebe mir so eine Mühe alles schön zu machen, aber es klappt einfach nicht“, schluchze ich leise.

Dabei habe ich mir alles so schön vorgestellt: Das gemeinsame Schmücken des Weihnachtsbaumes. Zu weihnachtlicher Musik. Ein bisschen Lebkuchen nebenbei. Das erste Türchen im Adventskalender öffnen. Die Weihnachtsbaumkugeln funkeln und die Augen strahlen. Vor dem Wohnzimmerfenster stehen neidische Nachbarn mit offenen Mündern und bewundern unsere Familien-Idylle.

Ok, der letzte Punkt ist zugegebenermaßen etwas übertrieben. Und deswegen ist es mir umso peinlicher zuzugeben, dass ich mir genau das doch ein bisschen gewünscht habe. Ich möchte, dass wir als Familie so unerhört glücklich aussehen, dass unser Glück durch das Fenster nach draußen strahlt.

Unsere Nachbarn von gegenüber haben immerhin auch schon ihre Weihnachtsdekoration aufgestellt. Zwei fast lebensgroße Nussknacker vor dem Fenster. Drinnen spielen die Kinder fröhlich rund um den geschmückten Weihnachtsbaum. 

Ich bin versucht, unseren Baum etwas mehr vor das Fenster zu rücken und zu rufen: „Schaut! Wir schmücken auch gemeinsam als liebevolle Familie den Baum!“. 

Stattdessen weint David, weil in der Weihnachtsmusik kein Trecker vorkommt, ich bin gestresst, weil unser Wohnzimmer so unfassbar unordentlich ist und Timo ist genervt, weil er eigentlich im Garten arbeiten wollte. „Warum kann es bei uns nicht einfach mal schön sein?“, frage ich mich laut und füge in Gedanken hinzu „…so wie bei den anderen“. 

Ich stalke unsere Nachbarn durch das Fenster. Die Lichterketten in den Palmen leuchten. Unsere Lichterkette verschwindet halb im riesengroßen Jasmin Busch und die andere Hälfte funktioniert nicht mehr. Warum ist uns das nicht vorher aufgefallen? Bei keinem anderen Nachbarn ist die Lichterkette nur halb an. Wie schaffen andere den Alltag so unfassbar perfekt? 

Nach einmal tief Durchatmen (und einem großen Stück Schokolade) fange ich mich wieder und wir schaffen es tatsächlich, gemeinsam den Baum zu schmücken. David hängt begeistert 6 Christbaumkugeln direkt nebeneinander an denselben Ast. Eine Schneekugel ist aufgegangen und der Kunst-Schnee verteilt sich auf dem Teppich. Und irgendwie nervt mich die Weihnachtsmusik.

Es ist nicht perfekt und es fühlt sich auch nicht perfekt an. Vor allem, weil ich mich über mich selber ärgere, dass ich Timo vorhin so angepflaumt habe. Es ist nicht entspannt und eigentlich auch nicht sonderlich weihnachtlich.

Da sehe ich, dass sich in der Fensterscheibe unsere Weihnachtskugeln spiegeln. David steht stolz neben dem (etwas grotesk einseitig geschmückten) Weihnachtsbaum. Und ich merke, dass wir durch das Fenster perfekt aussehen müssen. 

Ob unsere Nachbarn auch insgeheim gestresst sind? Ob eigentlich alles, was durch das Fenster so idyllisch aussieht, gar nicht so idyllisch ist? Sondern ganz normaler Familienalltag? Auch wenn es etwas unfair ist, aber irgendwie wünsche ich es mir. 

Natürlich möchte ich, dass es mir egal ist, wie unser Leben durch das Fenster aussieht. Aber das wird vermutlich noch ein weiter Weg für mich. Bis dahin muss ich akzeptieren, dass es nicht immer perfekt ist. Dass meine Erwartungen, gerade wenn sie andere Familienmitglieder umfassen, nicht immer erfüllt werden. Dass das, was man durch das Fenster sieht, nicht immer das ist, was man fühlt. Und dass sich manchmal Tränen statt funkelnde Augen spiegeln. Weihnachten durch das Fenster betrachtet ist eben nur eine Geschichte, die man sich selber erzählt. Eine Geschichte, die ohne den Ton und die Hintergründe zu kennen, eindimensional und unecht bleibt. Und auch, wenn es mich manchmal stresst und emotional werden lässt: Ich würde echtes Familienleben immer über falsche Idylle wählen. So freue ich mich über David, wie er mit konzentriertem Gesicht auch noch die 7. Kugel an dieselbe Stelle hängt. Schalte andere Weihnachtsmusik ein. Umarme Timo. Und schließe unsere Vorhänge.

4 Comments

  1. Gabriele Amann Reply

    Καλά Χριστούγεννα αργότερα!
    Schön, dass Du wieder bloggst – und ja, weniger social media ist besser…
    Wie geht Dein Griechisch voran? Ich versuche seit 1,5 Jahren einen Outpost auf Korfu zu erwerben und lerne – mal mehr, mal weniger fleißig – die Landessprache. Wie meisterst Du das so?

    • Sarah Reply

      Ich spreche fast gar kein Griechisch 🙈 Hier auf Zypern spricht jeder fließend Englisch, vieles ist standardmäßig auf Englisch (wie zum Beispiel die Karte im Restaurant) von daher ist der Druck derzeit nicht groß genug. Aber David spricht – er geht ja seit 1,5 Jahre in einen griechisch-sprachigen Kindergarten.

  2. So ist das mit den Erwartungen. Jahrelang habe ich alles getan um das perfekte Weihnachten zu feiern. Ich habe Plätzchen gebacken wie eine Verrückte, alles genau getaktet. Wann wer wo getroffen wird, wann man auf welchen Weihnachtsmarkt geht, Weihnachtskarten gebastelt, dekoriert usw. Und war am Ende gestresst, genervt und es war nie schön. Wahrscheinlich dachten viele, dass es bei uns besonders schön sei, weil alles was so klassischerweise zu Weihnachten gehört da war. Nur das Gefühl dazu nicht. Mittlerweile versuche ich kein perfektes Weihnachten mehr und seither ist es schön. Die Deko ist naja, die Plätzchen weniger, die Weihnachtskarten auch mal gekauft und die Aktivitäten eingeschränkt. Ich mach noch das, wozu ich in dem Moment Lust habe und seither freue ich mich wieder auf Weihnachten und kann es so unperfekt richtig genießen.
    Liebe Grüße
    Miriam

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