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„Alter, wie sehen wir überhaupt aus?“, schaue ich entsetzt Timo an und muss danach losprusten. Timo steht neben mir in einem alten dreckigen Tshirt, einer zerranzten Hose und deutlichem 3-Tage-Bart. Ich habe meine Haare seit drei Tagen nicht gewaschen und meine Haut kribbelt. In Davids Haaren hängen einige Blätter Seetank. Und irgendwie umweht uns ein leicht fischiger Geruch. 

Wir sind auf dem Kindergeburtstag einer Nachbarin bei uns im Komplex und jetzt erst merke ich, dass wir ein wenig unhygienisch auffallen. Noch vor ein paar Stunden habe ich mich ganz normal gefühlt. Da waren wir aber auch noch nicht auf einer Party, sondern am Strand. 40 Stunden lang. 

Die letzten Tage und Wochen waren anstrengend. Ich kann gar nicht genau definieren, warum oder was konkret los war. Aber wir sind ausgelaugt. Fast hätte ich unseren geplanten Campingtrip angesagt, weil mir das Packen und Losfahren so unglaublich aufwändig erschien. Doch geplant ist geplant und schließlich warten unsere Freunde Maria und Rallis auf uns. 

Also packen Timo und ich am Freitag alles zusammen, holen David um 14 Uhr aus dem Kindergarten ab und fahren direkt weiter. Eigentlich haben wir vor in die Akamas Region zu fahren – ein traumhaftes Gebiet, das nur mit Offroad Autos erreicht werden kann. Doch als unsere Freunde ihren Landrover bepacken, verschwinden Timo und Rallis plötzlich unter dem Auto. 

„Plan B?“, ertönt es, als klar wird: Der Tank des Landrovers hat ein Loch und verliert Diesel. So können wir natürlich nicht 3-4 Stunden fahren. Also wird alles vom Landrover in den Golf von Maria geladen und etwas später als geplant machen wir uns auf den Weg.

Bis nach Akamas schaffen wir es jetzt natürlich nicht mehr, zumal der Golf dort sowieso nicht fahren könnte. Unsere Freunde wollen uns deswegen einen anderen schönen Ort zeigen, an dem Bäume bis an den Strand stehen und wir ein bisschen Schatten haben.

Etwa 1,5 Stunden später kommen wir dort an. Und sehen etwas, das ein absolutes Wunder der Natur ist und andere sicher dazu bewegen würde, erst Recht hier zu campen, uns jedoch letztlich weiterfahren lässt: Schildkröten-Nester am Strand! Absolut fantastisch und es ist sogar Vollmond. Ich bin sicher, in dieser Nacht schlüpfen die kleinen Babys und krabbeln ins Wasser.

Doch wir haben zwei Hunde dabei, die hier natürlich nicht an den Strand könnten. Also fahren wir weiter und suchen nach einem anderen Platz zum Campen. Und suchen. Und suchen. 

Die Sonne geht langsam unter, als Rallis und Timo uns endlich heranwinken. Sie haben einen Ort gefunden, an dem wir ans Wasser runter und die Zelte am Strand aufbauen können. Wir parken also oberhalb einer kleinen Steinküste und tragen Kind und Kegel und gefühlt viel zu viele schwere Gegenstände durch den Kies-Strand.

Wir schaffen es gerade noch so alles aufzubauen, bis die Sonne komplett weg ist. Dann sitzen wir da, essen unseren mitgebrachten Nudelsalat und schauen dem Vollmond beim Aufgehen zu. 

Es ist so traumhaft schön. Der Mond geht dunkelrot direkt über dem Meer auf und wir hören nichts außer den Wellen, die an den Strand oder etwas weiter entfernt gegen die Felsen schlagen.

David hat sich zum Glück schon unglaublich aufs Zelten gefreut und legt sich auch begeistert zum Schlafen rein. Es ist immer noch so warm, dass wir die Decken kaum brauchen. Als er endlich schläft (es dauerte dann doch etwas länger, er war wohl doch sehr aufgeregt) setze ich mich noch einmal zu Timo, Maria und Rallis nach draußen und wieder beobachten wir das Meer und genießen die Stille. 

Später schlüpfen auch wir in unser Zelt, das erstaunlich gemütlich ist, dafür, dass es auf Kieselsteinen steht. 


Am nächsten Morgen wachen wir alle relativ ausgeruht auf. Mein erster Blick geht auf die Hunde. Immer, wenn wir Sturmi dabei haben, mache ich mir ein wenig Sorgen um ihn. Ist es zu viel in seinem Alter? Wird ihm zu warm? Bei unserem letzten Campingtrip ist er nachts aus dem Zelt entwischt, deswegen schläft er jetzt in seiner Hundebox. 

Aber meine Sorgen sind unbegründet. Sowohl Sturmi als auch Belly, der Hund von Maria und Rallis, schlafen noch ganz entspannt. 

Ich liebe es, am Meer aufzuwachen. Es gibt kein anderes Geräusch als die immer wiederkehrenden Wellen. Keine Autos. Keine anderen Gerüche. Und an dieser Stelle noch nicht einmal Handyempfang. Eine tiefe Entspannung tritt bei mir ein, die dringend notwendig war. Ich merke, dass viele Dinge plötzlich unfassbar unwichtig werden. Warum habe ich mir die letzten Wochen so einen Stress gemacht? Das einzige, das zählt, ist doch, dass wir jetzt alle hier am Meer sind. 

Wir frühstücken auf unseren Campingstühlen direkt am Wasser. Immer wieder umspült Salzwasser meine Füße, während ich mein Schoko-Croissant esse. Die Hunde laufen frei auf dem Strand entlang. Da wir direkt an einer kleinen Steilküste campen, gibt es nur einen einzigen Pfad, der von hier weg nach oben führt. Dies ist das erste Mal auf Zypern, dass ich mich traue, Sturmi ohne Leine einfach laufen zu lassen. 

Wobei der alte Herr sowieso nicht mehr viel läuft. Schon nach dem Frühstück sucht er sich ein schattiges Plätzchen hinter unserem Zelt, auf dem er bis zum Abend nahezu durchgehend liegt. Belly kann dieses langweilige Verhalten nicht verstehen und tobt im Meer. 

Die nächsten Stunden entwickeln wir unsere ganz eigene Strand Routine: Auf’s Meer schauen, im Wasser abkühlen, auf’s Meer schauen, Wettrennen am Strand, auf’s Meer schauen, SUP Board fahren, auf’s Meer schauen, essen, auf’s Meer schauen, mit Steinen spielen, auf’s Meer schauen, etwas dösen, auf’s Meer schauen, schwimmen, … 

Und dann ist der Tag auch schon vorbei. Am Abend grillen wir Haloumi (ein typischer Käse aus Zypern), Zucchini und Pita und haben ein leckeres Abendessen, während die Sonne untergeht. Diese war übrigens noch ziemlich heiß für Mitte September, sodass ich am Abend richtig froh bin, als es endlich dunkel ist. 

Nachdem David zufrieden im Zelt eingeschlafen ist, sitzen wir Erwachsenen noch draußen, trinken ein Bier und schauen uns die Sterne an. Dann gehen wir alle früh schlafen. Denn den ganzen Tag auf’s Meer schauen macht müde. 


Der nächste Morgen startet ähnlich entspannt mit Frühstück im Wasser und schwimmen, wird kurz danach aber hektisch. Schon am Vorabend hatte Maria, die kurz vom Strand weg und am Auto war, auf dem Handy gesehen, dass für den Sonntag Gewitter angesagt ist. Ich kann mir das noch nicht so richtig vorstellen. Der Himmel ist strahlend blau und nahezu wolkenlos. 

Auch jetzt kann man von unserem Camping Ort aus noch keine Gewitterfront sehen. Umso erstaunter bin ich, als Timo sichtlich gestresst vom Auto wiederkommt und wissen will, warum ich noch nicht weiter gepackt habe. Packen? Ich möchte mich eigentlich noch nicht vom Strand trennen. Etwas missmutig schnappe ich mir zwei Kisten und laufe die Küste hinauf. Und dann sehe ich sie: Auftürmende Wolken direkt hinter den Felsen. 

Also packen wir so schnell es geht alles zusammen und tragen in mehreren Etappen unser Equipment zurück zum Auto. Uff, war das am Freitag auch schon so viel? Das viele rauf und runter in der prallen Sonne ist super anstrengend und ich nehme mir vor, das nächste Mal weniger mitzunehmen. Vor unserer Abfahrt springe ich noch einmal ins Meer, um mich abzukühlen und dann fahren wir kurz vor 11 auch schon zurück.

Zum Glück, wie sich kurz danach rausstellt: Wir sind nur eine halbe Stunde unterwegs und schon schüttet es ohne Ende. Wir fahren immer am Rande des Unwetters entlang bis nach Hause, wo es bei unserer Ankunft dann gerade anfängt zu regnen. 

Wir lassen unser Gepäck deswegen erst einmal im Auto und retten uns ins trockene Haus. Da sehe ich meine Nachbarin vor dem Fenster vorbei laufen. „Alles ok bei euch, braucht ihr Hilfe?“, rufe ich ihr zu, denn mir ist wieder eingefallen, dass sie ja heute Kindergeburtstag am Pool feiern. David ist auch eingeladen, ich hatte aber nicht damit gerechnet, dass wir rechtzeitig zurück sind. „Ja, alles ok, wir sind unter dem Dach. Kommt doch auch noch vorbei, es gibt gleich Pizza“. 

Ein Satz, der in meinen Ohren einfach zu verlockend klingt, um Nein zu sagen. Und so stehen wir nur Sekunden später inmitten der anderen, erstaunlich gut gekleideten Eltern, und ich frage mich, warum mir dieser Fischgestank die ganzen letzten Tage am Meer nie aufgefallen ist.

„Wir sind gerade erst vom Zelten wiedergekommen“, versuche ich unseren Auftritt zu erklären und muss anschließend ein paar Fragen beantworten.

„Ihr wart wild zelten? Und da gab es nichtmal Duschen am Strand? Und kein Restaurant? Ihr wart 20 Minuten vom nächsten Dorf entfernt und ohne Handyempfang?? Das ist ja absolut verrückt!“.

Nein, denke ich mir, das ist nicht verrückt. Verrückt ist, dass wir jeden Tag viel zu viele Stunden in einem Haus verbringen. Vor Monitoren und am Handy. Dass wir unsere Morgende gehetzt beginnen und abends statt vor dem Sonnenuntergang vor dem Fernseher sitzen. Dass wir Entspannung durch Bequemlichkeit und Routine ersetzt haben. Dass es so verrückt erscheint, ein völlig natürliches Wochenende zu verbringen. 

Und ein bisschen auch, dass man wirklich stundenlang auf’s Meer schauen und damit einfach nur erfüllt sein kann.  

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